Interview mit Dramaturg Ron Kellermann

1. Hallo Herr Kellermann, stellen Sie sich kurz vor und erklären Sie, wie Sie zur Dramaturgie gekommen sind.

Mein Name ist Ron Kellermann, ich habe Philosophie, Germanistik, Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert und arbeite seit 2001 in der Drehbuchenwicklung. Seit 2004 bin ich freiberuflich als Dramaturg und Dozent für Drehbuch tätig. Neben Spielfilmen berate ich auch dokumentarische und Content-Marketing-Projekte. Seit 2014 betreibe ich außerdem gemeinsam mit dem Drehbuchautor Arno Stallmann den Dramaturgie-Blog filmschreiben.de.

Zur Dramaturgie bin ich über meinen früheren Wunsch, Drehbuchautor zu werden, gekommen. Mit dem Schreiben hat es dann zwar nicht so geklappt wie gewünscht, aber meine Begeisterung für Dramaturgie – also für die Fragen: Wie funktioniert eine Geschichte? Wie entwickelt und erzählt man sie? – war mittlerweile ohnehin größer als mein Ziel, vom Schreiben leben zu können. Und als Dramaturg und Dozent kann ich mich intensiver und vielfältiger sowohl theoretisch als auch praktisch damit beschäftigen als Autorinnen und Autoren das können.

2. Was genau macht ein Dramaturg? Wie kann man sich seinen Arbeitsalltag vorstellen?

Ein Dramaturg ist ein Berater. Er berät AutorInnen, ProduzentInnen und RedakteurInnen bei der Entwicklung von Drehbüchern, in erster Linie von fiktionalen Stoffen, aber auch von dokumentarischen Formaten. Es gibt auch Kollegen, die immer wieder mal für die Games-Branche arbeiten, da dort neben der Spielmechanik und der Optik die Bedeutung der Story seit ein paar Jahren immer größer wird. Das ist sicher eine Branche, die in Zukunft für Dramaturginnen und Dramaturgen noch interessanter wird. Genauso dürfte der große Bereich des Storytellings, vor allem im Content-Marketing, mehr Bedarf an dramaturgischer Kompetenz entwickeln.

Wie der Arbeitsalltag des Filmdramaturgen aussieht, hängt von der Art des Auftrags ab, das heißt, davon, ob es eine einmalige Beratung ist oder eine regelmäßige Zusammenarbeit über einen längeren Zeitraum. Ich beziehe mich hier auf freiberufliche Dramaturginnen und Dramaturgen, bei festangestellten kann der Arbeitsalltag anders aussehen, im Wesentlichen sind es aber immer die gleichen Arbeitsphasen: Lesen, Analysieren, Nachdenken, Schreiben, Kommunizieren.

Bei einer einmaligen Beratung lese ich den Stoff (als Exposé, Treatment oder Drehbuch), analysiere ihn, schreibe meine Analyse und Empfehlungen und bespreche sie mit der Autorin oder dem Autor. Bei einer längeren Zusammenarbeit kommt es zu einem wesentlich intensiveren Austausch mit dem Autor, er schickt mir Texte, Zwischenschritte, Fragmente, Überlegungen, Ideen, ich schreibe meine Anmerkungen in seine Texte, schicke sie zurück, wir sprechen darüber, er überarbeitet, schickt mir wieder seinen Text und so weiter. Über neue Ideen wird manchmal auch einfach schnell am Telefon oder bei einem Kaffee gesprochen bevor er sie schriftlich ausführt oder verwirft. Ich bin hier also viel stärker in den kreativen Entwicklungsprozess des Drehbuchs einbezogen. Ist bereits eine Produktionsfirma mit an Bord (was bei längerfristigen Aufträgen eigentlich immer der Fall ist, manchmal ist sogar schon ein Fernsehsender mit dabei, den man in Deutschland übrigens auch für einen Kinofilm braucht), dann arbeiten wir auf eine bestimmte Deadline hin, zu der der Autor die nächste Version oder Fassung abgibt. Sobald die Produzenten sie gelesen haben, treffen wir uns und sprechen gemeinsam darüber. Hier ist der Dramaturg allerdings nicht immer dabei. Die Grenze zur Ko-Autorenschaft kann hier fließend sein, und Dramaturgen müssen darauf achten, in der nötigen Distanz zur Geschichte zu bleiben, um noch gut beraten zu können. Sie dürfen sich also nicht zu sehr in einen Stoff hineinziehen lassen und genauso „betriebsblind“ werden wie der Autor.

3. Herr Kellermann, welche Möglichkeiten gibt es, Dramaturg zu werden? Welche(n) Weg(e) würden Sie Berufseinsteigern empfehlen und warum?

Gute Dramaturginnen und Dramaturgen zeichnen sich durch fachliche, kreative, analytische und kommunikative / soziale Kompetenz aus. Die letzten drei kann man trainieren, die fachliche – also das dramaturgische Wissen - kann man sich aneignen. So bietet beispielsweise die Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“ den Bachelor-Studiengang „Drehbuch/Dramaturgie“ an. In der master school drehbuch / TV-Akademie kann man sich in drei Monaten zum Dramaturgen weiterbilden (www.film-tv-autor.de). Darüber hinaus sind mir keine Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten bekannt, in denen man sich speziell zum Dramaturgen aus- oder weiterbilden kann. Das hat damit zu tun, dass der Beruf in Deutschland noch sehr jung ist. Viele Dramaturginnen und Dramaturgen sind deshalb Quereinsteiger, arbeiten beispielsweise noch als AutorInnen, die an einer der Filmhochschulen Drehbuch studiert haben, oder sich in den zahlreichen Weiterbildungsangeboten zum Thema Dramaturgie selbst ausgebildet haben. Eine lange Liste von Bildungsinstitutionen findet man auf der Homepage des Dramaturgenverbands (VEDRA).

Ich empfehle, zuerst etwas anderes zu studieren, Psychologie, Philosophie, Literatur, Soziologie etc., und dann an einer Filmhochschule Drehbuch zu studieren oder sich das dramaturgische Wissen über diverse Weiterbildungsangebote anzueignen. An einer Filmhochschule zu studieren, ist in fachlicher Hinsicht nicht automatisch besser. Der Vorteil ist jedoch, dass man sich während des Studiums schon ein gutes Netzwerk aufbauen kann, was bei einer autodidaktischen Bildung schwieriger ist. Und wie in den meisten anderen Branchen auch, so ist jemanden zu kennen, der jemanden kennt leider auch in der Film- und TV-Branche oft wichtiger als die individuelle Fachkompetenz.

Sinnvoll ist auch, über einen festen Job in der Dramaturgieabteilung einer Filmproduktion einzusteigen, schlicht und einfach auch deshalb, um den Gesamtprozess einer Filmherstellung kennen zu lernen, was absolut notwendig ist. Kleinere Produktionsfirmen können hier geeigneter sein als die ganz großen, bei denen man möglicherweise im Lektorat versauert und keine Einblicke in die anderen Gewerke erhält. Der Einstieg ist auch hier in der Regel ein Praktikum…

4. Welche Vorkenntnisse halten Sie in diesem Beruf zusätzlich für empfehlenswert?

Eine gute Geschichte besteht aus drei Dimensionen: Sie ist charakterzentriert, werteorientiert und handlungsbasiert. Entsprechend braucht es drei „Denkmodi“, um eine Geschichte zu entwickeln bzw. zu analysieren: psychologisches Denken, philosophisches Denken und logisches Denken. Psychologische und philosophische Kenntnisse sind aus meiner Sicht deshalb unerlässlich, ein Literatur- bzw. allgemein geisteswissenschaftliches Studium ist empfehlenswert. Eine hohe Allgemeinbildung, analytisches und kritisches Denkvermögen und vor allem die Fähigkeit zur Selbstreflexion sind ebenfalls wichtig.

5. Was finden Sie besonders reizvoll an diesem Job?

Er wird nie langweilig. Eine Geschichte beruht zwar auf dramaturgischen Prinzipien, aber es gibt kein Schema F, nach dem man jede Idee zu einem Drehbuch entwickeln kann. Es ist immer wieder ein neues Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Außerdem macht mir die intensive Zusammenarbeit mit Autorinnen und Autoren viel Spaß. Und nicht zu vergessen ist natürlich das befriedigende Gefühl des kreativen Flows, in den man immer wieder eintaucht.

6. Welche sind die schwierigeren Aufgaben und Herausforderungen, die angehende Dramaturgen erwarten? Für wen ist der Beruf eher unpassend gewählt?

Die größten Schwierigkeiten liegen in den systemischen Bedingungen der Film- und TV-Branche. Dem Thema Stoffentwicklung wird in Deutschland leider nicht so viel Bedeutung zugeschrieben wie das in anderen Ländern der Fall ist, insbesondere natürlich in den USA. Das bedeutet, dass nicht genug Geld in die Entwicklung guter Stoffe investiert wird und Autorinnen und Autoren chronisch unterbezahlt sind, von Dramaturginnen und Dramaturgen ganz zu schweigen. Und es steht zu befürchten, dass sich daran in nächster Zeit nichts ändern wird.

Durch diese Unterfinanzierung der Stoffentwicklung ist es natürlich schwierig, sich in der Branche zu etablieren, also genug Aufträge an Land zu ziehen oder einen der wenigen festen Jobs als Dramaturg zu finden. Deshalb haben die meisten Dramaturginnen und Dramaturgen noch andere Einnahmequellen. Der Beruf des Dramaturgen ist nichts für Menschen, denen Sicherheit wichtiger ist als Freiheit, die also Wert auf ein regelmäßiges Einkommen legen. Außerdem ist er nichts für Leute mit einem großen Ego, denen es darum geht, gesehen zu werden, die Ruhm und Ehre wollen. Er ist nichts für Menschen, die finanziellen Reichtum anstreben. Und er ist nichts für Menschen, die nicht bereit sind, sich selbst und ihre Schattenseiten zu betrachten, um sich persönlich weiterzuentwickeln. Denn das ist eine Konsequenz, die nicht ausbleibt, wenn man sich in aller Intensität auf Stoffentwicklungsprozesse einlässt: Man wird immer wieder mit sich selbst konfrontiert und lernt viel über sich, oftmals auch Dinge, die man eigentlich gar nicht wissen will.

7. Wie wichtig ist die Arbeit eines Dramaturgen im Gesamtgeschehen?

Aus Sicht des Dramaturgen natürlich: sehr wichtig. Das Problem ist nur, dass sich der Effekt einer dramaturgischen Beratung nicht in Zahlen messen lässt, weshalb es schwer ist, ihren Wert exakt zu beziffern. Ob eine Dramaturgin oder ein Dramaturg also gut beraten hat oder nicht, hängt letztlich davon ab, wie zufrieden seine Auftraggeber sind.

8. Wie sehen die Chancen für Dramaturgen in der Berufswelt aus?

Ganz ehrlich: Momentan ist die Anzahl derjenigen Dramaturginnen und Dramaturgen, die ausschließlich von ihrer dramaturgischen Beratung leben können, überschaubar. Aber wie oben schon erwähnt ergeben sich durch die Games- und Storytelling-Branche neue Möglichkeiten. Ich würde angehenden Dramaturginnen und Dramaturgen deshalb empfehlen, sich nicht ausschließlich auf die Entwicklung fiktionaler Stoffe zu fokussieren, sondern offen zu sein und gerade auch sich mit dem Thema Content-Marketing zu beschäftigen.

9. Was würden Sie einem angehenden Dramaturgen außerdem gerne ans Herz legen?

Wichtig ist natürlich die Frage, wie man sich finanziert. Es ist nicht ausgeschlossen, als angehender Dramaturg sofort von seiner dramaturgischen Arbeit leben zu können, vielleicht sogar gut leben zu können. Aber die Wahrscheinlichkeit ist eher gering, sehr gering. Es sei denn, man findet einen festen Job. Aber auch hier ist die Bezahlung am Anfang sicherlich nicht der Grund, diesen Beruf ausüben zu wollen. Ich empfehle deshalb, das dramaturgische Arbeiten zunächst als „Spielbein“ zu sehen und sich ein „Standbein“ zu suchen, das zumindest einen Teil des Lebens finanziert.

Die Rahmenbedingungen, in denen man als Dramaturg arbeiten muss, sind nicht einfach. Trotzdem ist es für mich der schönste Beruf, den ich mir vorstellen kann. Vor allem auch deshalb, weil man sich nicht abnutzt, sondern im Laufe der Zeit immer besser wird, was wiederum den Spaß und die Freude steigert.

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Linktipps für den Beruf als Dramaturg

Berufsbild Dramaturg – online-redakteur.biz
Dramaturg als Beruf – goethe.de
Von Beruf Dramaturg – spiegel.de