Interview mit Schauspieler Harald Effenberg

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Interview mit Schauspieler Harald Effenberg 2017-03-17T19:40:59+00:00

1. Hallo Herr Effenberg. Stellen Sie sich und Ihren Beruf als Schauspieler kurz vor.

Mein Name ist Harald Effenberg; ich lebe in der Nähe von Berlin und arbeite seit 38 Jahren als Schauspieler.

2. Welche Charaktere passen am besten zu Ihnen? Haben Sie sich dementsprechend spezialisiert?

Das wechselt. Es gab Jahre, in denen ich viele Gerichtsvollzieher und Finanzbeamte gespielt habe und dann gab es wieder Jahre, in denen man mir hauptsächlich Pfarrer angeboten hat. Fürs Fernsehen ist eine solche Spezialisierung leider tatsächlich sinnvoll und so bin ich auf meinem Demo-Video als Pfarrer und als Lehrer zu sehen, weil man mich mit solchen Rollen vermutlich am ehesten besetzen wird. Das liegt aber nur an der Faulheit, Feigheit und Phantasielosigkeit der Entscheidungsträger. Sowohl für die Schauspieler als auch für die Zuschauer ist eine Besetzung gegen den Typ viel reizvoller und interessanter – dazu kommt es aber leider beim TV nur selten. Beim Theater hat man eher die Chance, mal eine Rolle zu spielen, zu der man auf den ersten Blick gar nicht zu passen scheint und die einem neue Möglichkeiten eröffnet.

3. Welche Unterschiede gibt es zwischen Fernseh-, Theater- und Filmschauspielerei? Welcher Schauspielerbereich ist für Einsteiger Ihrer Meinung nach am geeignetsten?

Es gibt viele großartige Schauspieler, die nie eine spezielle Film-Ausbildung absolviert haben und doch sehr erfolgreich im Film/TV-Bereich arbeiten. Der umgekehrte Weg ist schwerer, denke ich. Mit dem, was man bei der Arbeit vor der Kamera gelernt hat, kann man auf der Bühne nicht viel anfangen. Außerdem hat ein Theater etwas archaisches, es ist die natürliche Wirkungsstätte eines Schauspielers. Es ist ein bisschen so, als würdest Du fragen, ob Du Tennis lieber auf dem Platz oder mit der Wii lernen sollst.

Von der Bühne zur Arbeit vor der Kamera gibt es auch einen großen Unterschied und Lernprozess: Die Aktionen müssen dem Bildausschnitt angepasst werden, bei Großaufnahmen muss mit der ganz feinen Feile gearbeitet werden, man muss nach oftmals langer Wartezeit unter teilweise sehr unwirtlichen Umständen (Hitze, Kälte, Nässe) beliebig oft mit großer Zuverlässigkeit immer wieder die gleiche natürlich wirkende Aktion wiederholen können (man hat es vielleicht zwölfmal ganz toll gemacht und immer störte ein Reflex/ ein Flugzeug / ein Fussel / ein fehlendes Stichwort und man muss das gleiche dann beim 13. Mal wieder ganz genauso natürlich und überzeugend spielen), man ist nur ein winzig kleines Rädchen im Getriebe, hat keinen Einfluss auf Bildausschnitt, Schärfe, Licht, Schnitt, Musikuntermalung; man wird vielleicht nachsynchronisiert oder rausgeschnitten oder der Film wird so zusammengeschnitten, dass es ganz anders wirkt als das, was man eigentlich gespielt hat, man kommt bei einzelnen Drehtagen als Fremder in ein Team von Leuten, die oft schon seit Monaten oder Jahren miteinander arbeiten und sich teilweise nur noch durch Blicke und Insiderjokes verständigen. Man muss beim Spielen an jede Menge technischen Kram denken: Blickrichtung zur Kamera, Schatten, herumliegende Kabel, Schnittpausen usw. Das ist schwer und da hat ein Theaterschauspieler etwas, woran er sich abarbeiten kann.

Dagegen das Theater für den bühnenunerfahrenen Filmschauspieler: Es ist live. Unten sitzen ein paar hundert Leute, die haben einen Haufen Geld bezahlt und wollen was gutes sehen. Eine zweite Chance gibt es nicht (vielleicht morgen wieder, aber dann sind andere Leute da), Die Stimme muss bis in die letzte Reihe tragen und doch muss das Spiel auch die erste Reihe überzeugen, Man muss nicht nur den Text, sondern die gesamte Entwicklung der Rolle für die 2 Stunden des Abends parat haben, Man spielt die gleiche Rolle monate-, manchmal jahrelang, und es darf nie so wirken, als hätte man sie schon mal gespielt. Beim Theater ist der Schauspieler die Hauptperson: Wenn man Dich sieht und hört, dann kannst Du auch bei einem schlechten Stück bzw. einer schlechten Inszenierung noch was rausreißen. Beim Film bist Du nur ein Spielball und hast auf das Endprodukt kaum Einfluss.

4. Wird die Schauspielerei einem grundsätzlich in die Wiege gelegt, oder sind etwaige Aus- und Fortbildungen unbedingt erforderlich? Wenn ja, welche Vorteile sehen Sie in ein einem Studium/einer Ausbildung etc.?

Ebenso wie Pilot, Zahnarzt oder Gas- und Wasserinstallateur muss man den Beruf des Schauspielers erlernen. Das Studium an einer staatlichen Schauspielschule dauert vier Jahre, wobei die Chance, aufgenommen zu werden, sehr gering ist. Begabung und gute Vorbereitung allein reichen da nicht, wenn es z.B. für 1300 Bewerber nur 20 Plätze gibt – von den 1300 sind bestimmt einige Hundert begabt und gut vorbereitet. Man kann seine Chancen verbessern, indem man sich bei allen staatlichen Schauspielschulen im deutschsprachigen Raum bewirbt und dann umzieht, falls man irgendwo angenommen wird. Alternativ kann man eine private Schauspielschule besuchen. Die Ausbildung dauert dann u.U. (je nach Schule) nur drei statt vier Jahre, aber man bezahlt eine Menge Geld und der Zugang zu staatlichen Bühnen ist möglicherweise schwieriger als für Absolventen von staatlichen Schulen.

5. Vervollständigen Sie folgenden Satz: Die größten Illusionen angehender Schauspieler sind …

...dass sie „entdeckt“ werden.

6. Was kann an der Schauspielerei aufregend und was kann belastend sein?

Aufregend ist natürlich die Magie: Sich verwandeln, in andere Rollen schlüpfen. Viele Menschen zu begeistern, sie zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Nach der Arbeit Applaus bekommen – wer außer Künstlern kann das schon erleben (naja – und Piloten deutscher Charterflüge)? Aufregend sind die vielen wunderbaren und faszinierenden Menschen, die man in diesem Beruf kennen lernt. Der gemeinsame Einsatz für etwas, das größer ist als die Summe der Beteiligten. Einerseits die Vergänglichkeit des Theaters und andererseits die Beständigkeit des Films über das Leben hinaus. Die teilweise exotischen Orte, an die man bei Dreharbeiten gelangt. Das viele Geld, das man verdienen kann, falls man das große Glück hat, an die vollen Fleischtöpfe zu gelangen. Die Erfahrung, dass man etwas über sich selbst lernt, während man versucht, in die Rolle eines anderen zu schlüpfen. Die Abwechslung, wenn man in verschiedenen Bereichen der Schauspielerei tätig ist und sich immer wieder neue Bereiche erarbeitet.

Belastend ist der ständige Kampf ums finanzielle Überleben. Der Kampf und die Konkurrenz um gute Rollen, um Aufmerksamkeit und Anerkennung. Die Zusammenarbeit mit Menschen, welche man möglicherweise nicht ausstehen kann und die man trotzdem - physisch und psychisch - sehr nahe an sich heranlassen muss. Die Ungewissheit und Unregelmäßigkeit und mangelnde Planbarkeit von Tages- und Jahresabläufen, die für Beziehungen, Familienleben und allgemein für eine bürgerliche Existenz nicht förderlich sind.

7. Was war an Ihren bisherigen Dreharbeiten besonders anspruchsvoll? Begründen Sie!

Hmm...“anspruchsvoll“? Keine Ahnung. Mein schlimmster Drehtag war einer für „Im Namen des Gesetzes“. Ich spielte einen Schornsteinfeger auf dem Dach eines normalen vierstöckigen Berliner Mietshauses. Und obwohl der Produktionsleiter mir versichert hatte „Da ist immer noch ein Meter zwischen Dir und dem Abgrund“ verlangte der Regisseur (der wg. mangelnder Schwindelfreiheit feige unten im Wohnwagen saß) per Walkie-Talkie: „Du gehst zügig vor an die Kante! Direkt an die Kante! Und guckst runter und siehst den Toten direkt unter Dir! Das ist Dein Beruf, Du bist Schornsteinfeger, das ist für Dich ganz normal! Und dann rennst Du an der Dachkante entlang, um Hilfe zu holen. Nein – Du trittst nicht erst einen halben Schritt zurück! Du rennst direkt an der Kante lang! Schnell! Schneller!“

Und ich hatte eine Frau und ein kleines Kind zu Hause und dachte: „Wenn ich da runterfalle, sind die allein.“ So was würde ich nie wieder machen.

Einer meiner schönsten Drehtage war für „Ein starkes Team“. Der Regisseur (ein ehemaliger Kameramann) war schwer zufrieden zustellen: Er hat geprobt und korrigiert und korrigiert...das hat Spaß gemacht! Und es hat sich auch gelohnt – die Szene wurde sehr schön. Meistens ist leider der Zeitdruck so groß, dass die Regisseure alles akzeptieren, was halbwegs funktioniert. Bei solchen Drehs lernt man als Schauspieler wenig dazu, weil man einfach nur Schubladen aufzieht und das spielt, was man immer spielt.

Gerade fällt mir ein: Dieter Wedel! Ich hatte das Glück, bei „Die Affäre Semmeling“ mitzuspielen. Das hat auch großen Spaß gemacht. Wedel weiß genau, was er will. Und er kann jede Szene vorspielen. Und leider – obwohl er kein Schauspieler ist – ist das, was er vorspielt, immer sehr gut. Der war auch erst dann zufrieden, wenn alles seinen Wünschen entsprach.

Mein bequemster Drehtag war übrigens einer für „Fieber“, eine Krankenhausserie auf SAT1. Ich musste bewusstlos in einem Bett liegen und mit Sauerstoff beatmet werden. Da es zu kompliziert gewesen wäre, das zu markieren, wurde ich tatsächlich mit Sauerstoff beatmet. Und da alles gut geklappt hat, war ich nach 20 Minuten fertig. Was für ein Arbeitstag!

8. In welchem Bereich haben angehende Schauspieler die besten Berufschancen und welche Rolle spielen persönliche Kontakte in diesem Berufszweig?

Man sollte auf allen Gebieten aktiv sein, wenn man überleben will: Theater, Film/Fernsehen, Synchron, Sprecherjobs, Soloprogramme usw. Hatte man das große Glück, eine der begehrten ökonomischen Nischen für sich zu erobern, kann man immer noch arrogant auf die anderen herabsehen und sagen: „Dies und jenes mache ich nicht, das wäre mir zu blöd.“ Aber bis dahin sollte man sich so viele Standbeine wie möglich zulegen und sich für nichts zu schade sein.
Das meiste läuft über persönliche Kontakte.

9. Der Beruf des Schauspielers wird oft unterschätzt. Gibt es viele Konkurrenten in dieser Branche? Wenn ja, was ist notwendig für den gewünschten Erfolg?

Es gibt im deutschsprachigen Raum über 20.000 Schauspieler. Für die gibt es etwa 4000 Jobs. Die Hauptrollen im Fernsehen werden von den immer selben 60 bis 70 bekannten Namen und Gesichtern gespielt. Ja, es gibt viele Konkurrenten.

Was man für den Erfolg braucht? Begabung, Eine gute Ausbildung, Fleiß, Beziehungen, Glück - und nicht unbedingt in der Reihenfolge.

Man kämpft immer für die Chance, zeigen zu dürfen, was man kann. Falls man diese Chance endlich bekommt, muss man sie natürlich wahrnehmen und zeigen, dass man sehr gut ist. Und das muss im richtigen Moment jemand sehen, der wichtig ist. Und dann muss man Glück haben.

  • Wenn man sehr gut ist, aber nie die Chance bekommt, das zu zeigen...
  • Wenn man eine Chance bekommt, aber im entscheidenden Moment 40° Fieber hat oder einen vereiterten Backenzahn oder Magen-Darm-Grippe...
  • Wenn man eine Chance bekommt und sie nutzt und sich zu Begeisterungsstürmen verbeugt, aber nur ganz normale Zuschauer drinsitzen und kein Journalist darüber schreibt und kein Regisseur, Produzent, Intendant oder Redakteur jemals davon erfährt...
  • Wenn man eine Chance bekommt und sie nutzt und ein wichtiger Mensch drinsitzt und begeistert ist und einen groß raus bringen will aber die Zeit nicht reif dafür und der Geschmack der Leute gerade ein anderer ist...
...dann hat man keinen Erfolg.

10. Haben Sie ansonsten hilfreiche Ratschläge oder Tipps?

Hier möchte ich meine Tochter zitieren. Als wir sie einmal fragten, was sie denn machen würde mit sechs Richtigen im Lotto, meinte sie: „Schauspielerin werden! Wenn man nicht davon leben muss, ist es wahrscheinlich der schönste Beruf der Welt!“